Betr.: Streik 5.12.2000

   
   
Hier zum Nachlesen die Elterninformation der Personalvertretung, die am 30.11.2000 an alle Schüler unserer Schule ausgegeben worden ist:
 
Sehr geehrte Eltern!

Die Lehrerschaft hat sich entschlossen, am 5. Dezember 2000 einen eintägigen Warnstreik durchzuführen, wozu wir in der Zeit von 8:00 bis 10:00 Schüler- und Elternvertreter herzlich einladen. Wir bedauern, dass dieses in der zweiten Republik einmalige Vorgehen unvermeidlich geworden ist. Eigentlicher Grund ist die Weigerung unseres Dienstgebers, mit den gewählten Vertretern Verhandlungen über geplante Veränderungen unserer Bezahlung beziehungsweise unserer Arbeitszeit zu führen.

Die Pläne der Regierung sind ein weiterer Schritt in Richtung Bildungsabbau, der schon seit einigen Jahren scheibchenweise betrieben wird. So stiegen zum Beispiel die Klassenschülerzahlen deutlich an, sodass eine Klasse mit über 30 Schülern heute keine Seltenheit mehr ist. Die Reduktion der Stundentafeln (weniger Deutsch-, Mathematik und Englischstunden in der Unterstufe im Gesamtausmaß von 6 Stunden) hat ebenso zu einem Qualitätsverlust der Ausbildung beigetragen wie die Kürzung der Fortbildungsseminare für Lehrer von 5 auf 3 Tage. Zahlreiche weitere Maßnahmen, die im Detail anzuführen hier den Rahmen sprengen würde, haben uns nun veranlasst, zum Mittel des Streiks zu greifen, da andere Strategien bisher zu keinem Erfolg geführt haben.

All die bereits durchgeführten Vorhaben der Regierung sind genauso reine Sparmaßnahmen ohne jeden pädagogischen Hintergrund wie die nun geplanten:

Statt wie am 4.10. zwischen Dienstgeber und Gewerkschaft verhandelt, sieht das einseitig vom Dienstgeber beschlossene Maßnahmenpaket einschneidende Eingriffe in den Schulbetrieb vor:

Pädagogisch relevante Bereiche wie etwa Klassenvorstand oder Schülerberater sollen aus der Einrechnung in die Lehrverpflichtung herausgenommen werden, was einen deutlichen bildungspolitischen Rückschritt darstellt, denn es würde dazu führen, dass Klassenvorständen sowohl für ihre unterrichtliche Tätigkeit (Vor-, Nachbereitung des Unterrichts, Korrekturen) als auch für ihre pädagogische Arbeit außerhalb des Unterrichts (Gespräche, Beratung, Betreuung, etc.) weniger Zeit als bisher zur Verfügung steht. Zahlreiche Lehrer würden entweder eine zusätzliche Klasse unterrichten oder durch Klassentausch wenigstens eine oder zwei Stunden mehr unterrichten müssen. Dadurch würden Verträge junger Kolleginnen und Kollegen nicht verlängert beziehungsweise Junglehrerinnen und –lehrer nicht eingestellt, was ebenso zu einer Qualitätsminderung führt (Überalterung des Lehrkörpers, fehlenden Innovation). Außerdem sollen plötzlich anfallende, einzelne Vertretungsstunden nicht mehr bezahlt werden.

Besonders empörend empfinden wir, dass das Ergebnis einer von Unterrichtsministerium, Finanzministerium und Gewerkschaft Öffentlicher Dienst bei einem renommierten Institut in Auftrag gegebene Studie zur Lehrerarbeitszeit, die auf breiter Basis (rund 6800 Lehrerinnen beziehungsweise Lehrer wurden befragt) erstellt wurde, entgegen anderslautenden Zusagen nicht abgewartet wurde, um im Lichte dieser Ergebnisse über sinnvolle Maßnahmen zu beraten. Die öffentliche Präsentation erfolgte, nachdem das Maßnahmenpaket bereits beschlussreif dem Parla-ment vorgelegt worden war.

Niemand streikt, weil es Spaß macht. Nach mehreren "Lehrerpaketen" haben wir den Glauben an unseren Arbeitgeber verloren. Zu oft wurde uns gesagt, mit der jeweils letzten Maßnahme werde nun das Auslangen gefunden. (Die Entwicklung der Lehrergehälter verläuft schon seit mehreren Jahren nicht mehr annähernd entsprechend der anderer Berufsgruppen.) In Fortsetzung des gefahrenen Kurses müssten in den folgenden Jahren noch schärfere Maßnahmen ergriffen werden, weil das Unterrichtsbudget eingefroren werden soll. Der Löwenanteil dieses Budgets besteht aber aus Personalkosten – wir wehren uns also besser jetzt als nächstes oder übernächstes Jahr.

Die Lehrerschaft verschließt sich nicht dem Ziel, die vorhandenen finanziellen Mittel im Bildungsbereich intelligent und sinnvoll einzusetzen, jedoch ist niemand an einer Rezession des Bildungsangebotes oder gar einem Bildungsabbau auch nur im Geringsten interessiert, wozu aber die vorgesehenen Maßnahmen notwendigerweise führen müssen.

Die Personalvertretung am GRG XIX, Billrothstraße 73

PS: Nützliche Links:

Schlussfolgerungen der Lehrerarbeitszeitstudie

Aktuelles aus unserer Schule

Lehrerarbeitszeitstudie im Volltext

Schulen gegen die geplanten Verschlechterungen im Bildungsbereich

Beamtengewerkschaft - Aktuelle Meldungen zum Thema

GEGEN DAS KAPUTTSPAREN DER ÖFFENTLICHEN SCHULEN

Wir streiken nicht für finanzielle Privilegien
Wir streiken nicht für Frühpensionen mit Sonderabfertigungen
Wir streiken auch nicht für das Regierungsversprechen einer Anstellungsgarantie

Wir streiken gegen die geplante Arbeitszeiterhöhung
Wir streiken gegen die ständige Missachtung unserer Arbeit durch die Regierung

Wir brauchen

Zeit für die Arbeit mit unseren und für unsere Schüler
Zeit für individuelles Fördern und individuelles Lernen
Zeit für lebendigen Unterricht und Schulveranstaltungen
Zeit für Projektarbeit und Schulentwicklung
Zeit für Fortbildung und Qualitätssicherung

Wir wehren uns

Gegen jede Erhöhung der Klassenschülerzahlen
Gegen jede Form der Lehrpflichterhöhung
Gegen das Verhindern von Bildungsangeboten

Daher fordern wir

Anerkennung unserer Arbeit
Rücknahme der im Parlament durchgepeitschten bildungsfeindlichen Budgetbegleitgesetze

 

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