Wien,
im April 2001
Sehr
geehrte Eltern!
Wie Ihnen vielleicht schon zu Ohren
gekommen ist, herrscht eine angespannte
Situation, was den Bereich Bildung und
öffentliche Finanzen betrifft. Entgegen
so mancher Beteuerung seitens
verschiedenster politischer
Repräsentanten, sie wollen im
Bildungsbereich nicht sparen, sieht die
Wirklichkeit anders aus.
Seit Jahren werden nämlich zahlreiche
Sparmaßnahmen erdacht, die ganz
besonders den Bereich der Lehrer/innen
betreffen.
Mit irreführenden Zahlen, die in der
Öffentlichkeit genannt werden, versucht
man, den Beruf des Lehrers zu
diskreditieren. Einzelfälle werden
schamlos verallgemeinert,
Durchschnittszahlen (beispielsweise habe
jeder Lehrer durchschnittlich ca. 9
Schüler vor sich sitzen) täuschen
geradezu paradiesische Arbeitsbedingungen
vor.
In Wahrheit verschlechtern sich sowohl
die finanzielle Lage als auch die
didaktischen Begleitumstände immer mehr.
Und wir befürchten, dass das Ende dieser
Entwicklung noch lange nicht erreicht
ist.
Sehr wohl erreicht scheint das Ende
unserer Geduld. Lehrer/innen in ganz
Österreich und in allen Schultypen
bezeugen öffentlich, dass es so nicht
weitergehen darf.
Wir wollen arbeiten und wir wollen mit
Ihren Söhnen und Töchtern einen
möglichst effizienten und vielfältigen
Unterricht gestalten. Aber irgendwann ist
einfach eine Grenze des Machbaren
erreicht. Noch ein Stapel
Hausübungshefte, noch eine Schularbeit,
noch ein Jahrgang, für den man sich
vorbereiten muss: Es geht einfach nicht
mehr!
Wir wollen auch nicht mehr zusehen,
wie ein immer größer und vielfältiger
werdender Arbeitsaufwand immer schlechter
entlohnt wird und dazu noch öffentlich
herabgewürdigt wird.
Die Lehrer/innen an den AHS in Wien
haben nun beschlossen, ihre Tätigkeiten
und Aktivitäten auf ein erträgliches
Maß zu reduzieren.
Warum?
Wenn ein/e Lehrer/in Klassenvorstand
ist oder ein gewisses Arbeitsgebiet im
Schulbetrieb betreut
("Kustodiat"), dann wurde diese
Tätigkeit bisher in ihre
Lehrverpflichtung eingerechnet. Die
Verwaltung der Physiksammlung, die
"Öffentlichkeitsarbeit" oder
die Betreuung der audiovisuellen Geräte
(sämtliche Overheadprojektoren,
Kassettenrecorder und Videorecorder
unserer Schule!) waren und sind bis jetzt
auch verrechnungstechnisch Teil unserer
Arbeit in der Schule.
In Zukunft werden diese
Arbeitsbereiche aus der Lehrverpflichtung
herausgenommen, was bedeutet, dass
zahlreiche Lehrer/innen ab Herbst für
das gleiche Gehalt eine Klasse mehr
unterrichten müssen (samt Vorbereitung,
u.U. Schularbeiten, Tests,...),
zusätzlich allerdings sehr wohl auch
noch Klassenvorstand und Kustoden sein
müssen. Die vorgesehene Abgeltung für
diese Arbeiten entspricht nicht
annähernd der bisherigen Bezahlung.
Eine Folge dieser Maßnahmen ist, dass
praktisch an jeder Schule Österreichs
mindestens zwei - junge - Lehrer/innen um
ihren Posten zittern müssen. Die
älteren Lehrer müssen mehr arbeiten und
die jüngeren verlieren ihre Stunden. An
unserer Schule handelt es sich um ca. 40
Werteinheiten, das sind ziemlich genau
zwei volle Lehrverpflichtungen, die
"wackeln".
Wir, die Lehrer/innen des GRg 19,
Billrothstraße 73, haben daher in
Übereinstimmung mit weiten Teilen der
Lehrerschaft in Wien bzw. Österreich die
folgenden Schritte beschlossen:
Wir werden bis
auf weiteres keine neuen eintägigen oder
mehrtägigen Schulveranstaltungen planen
oder durchführen, sofern sie nicht
gesetzlich vorgeschrieben sind. Bereits
geplante Veranstaltungen werden noch
durchgeführt.
Wir werden
schulbezogene Veranstaltungen wie
Bildungsreisen, Wandertage,
Museumsbesuche oder abendliche
Theaterbesuche einstellen.
Wir werden
alle administrativen Tätigkeiten, die
ehrenamtlich oder freiwillig ausgeübt
wurden, einstellen.
Weiter
geführt werden sportliche Wettkämpfe,
Teilnahme an diversen Schülerligen und
sportliche Aktivitäten, die zu einem
großen Teil in der Freizeit der
Lehrer/innen stattfinden.
Auch die
Betreuung von Schülern, die um
Schülerunterstützungen ansuchen, wird
weiter ausgeübt (obwohl gerade diese
Tätigkeit in den letzten Jahren ein
ungeheures Ausmaß erreicht hat).
Die
Projekttage werden an drei Tagen
stattfinden (23. Bis 26. Juni),
grundsätzlich im Schulbereich. Das
fächer- und klassenübergreifende Thema
wird sich an unserer Schule und ihrer
momentanen und zukünftigen Situation
orientieren.
Das Schulfest
(27. Juni) wird nur insofern von
Lehrer/innen mit organisiert, als diese
Arbeit Teil ihrer Lehrverpflichtung ist
(also die Referent/innen für
Öffentlichkeitsarbeit).
Abschließend möchten wir mit allem
Nachdruck darauf hinweisen, dass all
unsere Maßnahmen nicht auf dem viel
zitierten "Rücken der
Schüler" ausgetragen werden sollen.
So sehr das auf den ersten Blick so zu
sein scheint, so sehr bitten wir Sie,
werte Eltern, um Verständnis für unsere
Lage. Langfristig ergeben die Folgen der
Sparmaßnahmen einen viel größeren
"Rucksack" auf unser aller
Rücken.
Gerade an unserer Schule sollte es
daher möglich sein, zu einer gemeinsamen
Vorgangsweise gegen eine falsche
Weichenstellung in der Bildungspolitik zu
kommen.
Nur wenn wir klar machen können, dass
es im Interesse aller Schulpartner liegt,
dass es annehmbare Rahmenbedingungen für
Unterricht und Bildung gibt, können wir
etwas erreichen.
Solange
Schülerzahlen nicht sinken (momentan
sitzen beispielsweise bis zu 29 Kinder im
Anfangsunterricht Englisch);
solange
Lehrerarbeit (trotz anders lautender
Ergebnisse einer Studie) immer noch als
Halbtagsjob hingestellt wird;
solange
zeitgemäße und intensive Lehrmethoden
nicht gefördert, sondern verhindert
werden, wird sich nichts zum Besseren
wenden können.
Die Lehrerschaft des
GRG XIX
PS: Nützliche Links:
Schlussfolgerungen
der Lehrerarbeitszeitstudie
Lehrerarbeitszeitstudie
im Volltext
Betr.:
Streik 5.12.2000
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