Maturantenverabschiedung am 28. April 2006

 
Am Freitag, dem 28. April 2006, fand in der Weinbergkirche Börnergasse die traditionelle Maturantenverabschiedung statt.
Hier einige Photos und Texte, die den Ablauf dieser Veranstaltung veranschaulichen:
 
 
I. Programm

 

ABSCHIED VON DER SCHULE

Lied: In deinem Namen (Werner Puntigam)

 Begrüßung: Prof. Petra Gösele-Gebhartl (s. u.)

Lied: Morning has broken (Cat Stevens; anhören)

8A: Prof. Franz Lux: Erinnerungen an die Zukunft (s. u.)
Pablo Essenther: Eindrücke aus acht Jahren Schule (s. u.)

Lied: Father and son (Cat Stevens)

8B: Prof. Gertrude Duma: Goethe zum Geleit (s. u.)
Jasmin Flieder: Kinder, wie die Zeit vergeht (s. u.)

Lied: If you want to sing out (Cat Stevens)

Bibelwort: Prof. Barbara Wöhrer: Sirach 14, 20-27:

Wohl dem Menschen, der nachsinnt über die Weisheit, der sich bemüht um Einsicht, der seinen Sinn richtet auf ihre Wege und auf ihre Pfade achtet, der ihr nachgeht wie ein Späher und an ihren Eingängen lauert, der durch ihre Fenster schaut und an ihren Türen horcht, der sich bei ihrem Haus niederlässt und seine Zeltstricke an ihrer Mauer befestigt, der neben ihr sein Zelt aufstellt und so eine gute Wohnung hat, der sein Nest in ihr Laub baut und in ihren Zweigen die Nacht verbringt, der sich in ihrem Schatten vor der Hitze verbirgt und im Schutz ihres Hauses wohnt.        (Jesus Sirach 14, 20 - 27; circa 2. Jahrhundert v. Chr.)

Prof. Nikolaus Werle: Über Vergangenheitsfähigkeit (s. u.)

Lied: Let it be (Paul McCartney)

Dank an die Schüler/innen: Prof. Ingrid Hofbauer

Segen: Prof. Petra Gösele-Gebhartl, Prof. Barbara Wöhrer, Prof. Nikolaus Werle:

Gott segne euch,
er mache euch frei von allem "ihr sollt" und "ihr müsst",
von den Erwartungen anderer und den eigenen,
er gebe euch Mut für euren Weg,

 er behüte euch,
nie sollt ihr verlassen sein und hilflos den Umständen ausgesetzt,
er lasse sein Angesicht leuchten
und schenke euch offene Augen und Ohren,
damit ihr die Wunder jeden Tages
auch im Kleinen und Unscheinbaren erkennt,

Frieden gebe er euch,
Ablehnung und Lob sollen euch nicht beirren,
er schenke euch ein Lächeln für jeden Tag,
ein großes Lachen, wenn ihr euch selbst zu ernst nehmt
und einen Stern in jeder dunklen Stunde,

so segne euch Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Amen

Lied: Oh happy day (Traditional)

 

Musikalische Gestaltung: Prof. Katharina Tanzler, ME-Gruppe 8AB, Mishal Alfaiz

 

 
 
II. Reden
 

Petra GÖSELE-GEBHARTL: Begrüßung

Es ist eine schöne Tradition, an Wendepunkten des Lebens – auch des Schullebens – zu feiern.

Das Ende der Schulzeit und die bevorstehende Matura gehören sicher zu diesen einschneidenden Erfahrungen; vor allem natürlich für die Maturantinnen und Maturanten, aber auch für die Familien endet damit eine prägende, manchmal sicher nicht ganz einfache Zeit. Jedes Ende bedeutet aber einen Anfang, für einige steht dieses Neue vielleicht schon ganz klar vor Augen, für andere wieder nicht.

Wie auch immer: heute mit dieser ökumenischen Maturafeier ist Platz geschaffen, um gemeinsam einen Blick zurückzuwerfen, vielleicht auch schon etwas von der Vorfreude auf das, was dann kommen wird, zu spüren; … in jedem Fall aber ist es eine Möglichkeit, miteinander zu feiern. Und das wollen wir auch tun!

Wir freuen uns dass Ihr, liebe Maturantinnen und Maturanten, und Sie - liebe Eltern - da sind!

Ich möchte auch die Kolleginnen und Kollegen ganz herzlich begrüßen und mich besonders bei Frau Prof. Tanzler, dem Chor und dem Gitarristen für die musikalische Gestaltung bedanken!

Danke auch an die Gemeinde hier in der Weinbergkirche, dass wir wieder hier sein dürfen!

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein schönes Feiern!

 

Franz LUX: Erinnerungen an die Zukunft

Wisst ihr noch, wie es damals war? Damals, als die Schule vorbei war.

War das herrlich! Keine Schularbeiten mehr, keine Chemiewiederholungen, keine Französisch-Vokabelüberprüfungen, Schluss mit dem frühen Aufstehen, dem Pünktlich-Kommen.

Ihr wart so richtig reif damals, fertig für die späteren Herausforderungen.

Ja, genau! Jetzt erinnere ich mich wieder, das war doch die Zeit, wo ihr zum Bundesheer gegangen seid und dort erst so richtig zu Männern gemacht worden seid! Das war doch damals, oder nicht?

Als ihr studieren wolltet, eine halbe Stunde vor Beginn der Vorlesungen im Hörsaal gesessen seid, um den Professor wenigstens zu hören. Ja, genau.

War das nicht auch die Zeit, als ihr Hunderte von Euro ausgeben musstet, um das nachzuholen, was ihr in der Schule nicht hattet lernen wollen?

Könnt ihr euch noch erinnern, dass ihr um 20 Minuten vor 12 an die Hofpause gedacht habt?

Ich glaube, ihr habt euch auch gefreut, nicht mehr länger Englisch reden zu müssen, nicht mehr länger über den Herrn Karl oder Thomas Bernhard oder Arthur Schnitzler nachdenken zu müssen, und, ja genau, vortäuschen zu müssen, ihr hättet den ersten Akt gelesen. Ja, das war die Zeit, wo ihr ganz aufgehört habt, ins Theater zu gehen, ein dickes Buch zu lesen. War das eine schöne Zeit!

ABER! Jetzt fällt mir etwas ein! Kam dann nicht die Zeit, wo ihr gnädig wurdet mit der schule? Seid ihr nicht irgendwann einmal zufrieden gewesen mit uns, die wir in der Schule bleiben dürfen, um andere junge Menschen dorthin zu bringen, wo ihr damals schon lange nicht mehr wart?

Wolltet ihr damals nicht ab und zu – GANZ HEIMLICH – wieder in die Schule zurück? Hattet ihr nicht ganz überraschend ein wenig Sehnsucht nach Vokabeltests, Deutschschularbeiten und Bühnenspiel?

Ich glaube, ich liege nicht ganz falsch, das war so, damals, als ihr längst aus der Schule wart.

GENAU, und damals habt ihr, glaube ich, beschlossen, eure Schulzeit nicht ganz zu vergessen. Ihr seid zu Schulfesten gekommen, um alte Erinnerungen wieder aufzufrischen, habt eure ALTEN Lehrer und Lehrerinnen besucht und von euren Erfolgen und Erfahrungen zu erzählen.

So war das, damals, in der Zukunft, ich erinnere mich.

Und als ihr gekommen seid, waren wir noch da!

 

Pablo ESSENTHER: Eindrücke aus acht Jahren Schule

Auch ich möchte Sie herzlich Willkommen heißen und nun kurz über meine in der Schule gesammelten Eindrücke sprechen.

Als wir vor 9 Jahren die Volksschule verließen, waren wir die Größten, voller Erfahrung und Lebensweisheit… das dachten wir zumindest.

Es war die Zeit gekommen, eine AHS zu besuchen. Viele Schulen standen zur Auswahl, aber wie man sieht, sind wir in der "Sames" gelandet - eine Entscheidung, die ich bis heute nie bereut habe.

Dort angekommen waren wir allerdings wieder die Kleinsten. Ich erinnere mich noch sehr genau an meinen ersten Schultag. Alles erschien mir so riesig und neu, und die Schule war für mich ein einziges großes Labyrinth. Doch ich habe mich sehr schnell an die neue Situation gewöhnt, sicherlich nicht zuletzt durch eine tolle Betreuung der Lehrer.

Mit dem Schritt in eine AHS begann ein ganz neuer Lebensabschnitt, der anfangs endlos schien. Ich konnte es kaum erwarten diese acht Jahre endlich hinter mir zu haben. Doch jetzt, wo ich hier stehe, und fast alles vorbei ist - nur noch die Matura steht uns noch bevor - hat sich meine Meinung geändert. Einerseits freue ich mich zwar, dass meine Klasse und ich das alles so gut überstanden haben. Doch andererseits bin ich wie viele von uns traurig darüber, dass alles so schnell vorbei ging.

Während dieser acht Jahre mussten viele Entscheidungen getroffen werden. Eine der leichtesten war wohl die Wahl zwischen Realgymnasium und Gymnasium in der zweiten Klasse. Wir wählten nämlich größtenteils den Zweig, in dem uns unser Klassenvorstand, Prof. Lux, erhalten blieb. Er war wohl der beste Klassenvorstand, den wir uns vorstellen konnten. Er unternahm viele Reisen mit uns, auf denen er uns durch seine „zweiminütigen“ Ansprachen, die nicht selten die 20 Minuten-Grenze sprengten, weiterbildete. Er begleitete uns acht Jahre, in denen er es schaffte ein freundschaftliches Verhältnis zu uns aufzubauen, ohne dabei seine Autorität zu verlieren. Nicht selten opferte er Stunden dafür, klasseninterne Probleme zu bereden und zu lösen. Er bescherte uns damit acht wirklich wunderbare Jahre. Dafür möchte ich mich im Namen der Klasse rech herzlich bei ihm bedanken.

An dieser Stelle wären noch viele andere Lehrer zu erwähnen, was jetzt jedoch nicht möglich wäre, da wir sonst morgen noch hier stehen würden. Insgesamt sind mir nämlich 42 verschiedene Lehrer begegnet, von denen haben es allerdings nur vier durchgehend mit uns ausgehalten: nämlich Prof. Lux, Klag, Wöhrer und Prof Hof.

Doch auch bei den anderen Lehrern möchte ich mich dafür bedanken, dass sie uns liebevoll und vor allem jeder auf seine eigene Art unterrichteten: unser Philosophie Professor, Prof.  Knob, zum Beispiel, der es immer wieder schaffte uns zu beeindrucken, indem er ein Fremdwort mit fünf anderen Fremdwörtern erklärte und uns stets mit seinen tiefgründigen Scherzen belustigte. Auch die Stunden mit Prof. Klag hatten ihren eigenen Charakter. Kam man zu spät in den Unterricht, wurde man gleich höflich darauf aufmerksam gemacht, dass sie einen sofort entlassen würde, wäre sie denn dessen Arbeitgeber. Auch den Preis für die meisten Ausflüge, die zumeist sehr lehrreich waren, würde sie sicherlich gewinnen. Oder Frau Prof. Oliva, die es wohl als erste Lehrerin schaffte uns während der Stunden wirklich zum Schweigen zu bringen. Doch trotz dieser Ehrfurcht blieb der Spaß nie auf der Strecke. Abwechslungsreiche und mit interessanten Themen garnierte Stunden zeichneten sie aus. Notendurchschnitte bei Schularbeiten von über 4,0 waren also sicherlich nicht Folgen eines schlechten Unterrichts.

Rückblickend kann ich sagen, dass ich eine wunderbare Zeit in der Schule verbracht habe, die ich sicherlich nie vergessen werde.

 

Gertrude DUMA: Goethe zum Geleit

Meine liebe 8B!

Als euer Deutschlehrer sei es mir gestattet, meine Abschiedsrede mit einem eher ungewöhnlichen Goethezitat zu beginnen, das mir aber recht passend erschien, als ich über die Jahre unseres Zusammenseins in der Klasse mit euch nachgedacht habe.

„Wenn sich der Most auch ganz absurd gebärdet,
es gibt zuletzt doch einen guten Wein.“

Von Goethe weiß man, dass er ein gutes Glas Wein sehr geschätzt hat. - Für diejenigen unter euch, die keinen Alkohol trinken, habe ich ein anderes Zitat gefunden, das die Entwicklung eines Menschen beschreibt:

„Ein Blatt, das groß werden soll, ist voller Runzeln und Knittern, eh es sich entwickelt;
wenn man nicht genug Geduld hat und es gleich glatt haben will wie ein Weidenblatt, dann ist’s übel.“

Damit spricht er ja die Lehrer an, die oft nicht genug Geduld haben, wenn es darum geht, die Entwicklung eines Jugendlichen zu begleiten. – Für Lehrer und Schüler passt das folgende Wort:

„Mancher klopft mit dem Hammer an der Wand herum und glaubt, er treffe jedes Mal den Nagel auf den Kopf.“

Und schließlich, wiederum für Lehrer:

„Sehr viel ist zu erreichen durch Strenge, mehr durch Liebe,
das meiste aber durch Einsicht und eine unparteiische Gerechtigkeit, bei der kein Ansehen der Person gilt.“

Wie weit ich, wie weit eure Lehrer diesem Anspruch gerecht geworden sind, steht bei euch zu beurteilen. Ihr geht jetzt, wie man so sagt, hinaus ins Leben und nehmt eine Menge Wissen, gute und schlechte Erfahrungen mit. – Was ich euch gerne noch mitgeben würde, ist – neben vielen guten Wünschen – viererlei:

1. Das Bewusstsein, dass wir alle Werdende, Lernende sind:

„ Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen;
ein Werdender wird immer dankbar sein.“,

sagt die Lustige Person im Vorspiel aus dem Theater (Faust 1)

2. Das Staunen vor dem, was ist: diese Welt, die Menschen, die Schönheit und das Chaos der Natur, die Rätselhaftigkeit und die Vielfalt des Lebens.

„Alles Verständnis fängt mit Bewunderung an.“

Das Staunen auch über uns und unsere eigenen Existenz:

Ich glaube, dass wir einen Funken jenes ewigen Lichts in uns tragen, das im Grunde des Seins leuchten muss und welches unsere schwachen Sinne nur von Ferne ahnen können. Diesen Funken in uns zur Flamme werden zu lassen und das Göttliche in uns zu verwirklichen, ist unsere höchste Pflicht.“

3. Die Einsicht, dass wir fehlbare Wesen sind.

„Es irrt der Mensch, solang er strebt.“,

sagt der Herr im Prolog im Himmel (Faust 1) . Er verteidigt Faust dort im Gespräch mit Mephistopheles, der den Menschen später Maßlosigkeit und Brutalität unterstellt:

„Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein
nur tierischer als jedes Tier zu sein.“

Die Wahrheitssuche  - und hier berufe ich mich auf Sir Carl Popper – und die Idee der Annäherung an die Wahrheit sind ethische Prinzipien. Ebenso das Prinzip der Fehlbarkeit: Vielleicht habe ich unrecht, und vielleicht hast du recht. Aber wir können auch beide unrecht haben. – Diese ethischen Grundhaltungen führen zu einer selbstkritischen Einstellung und letztlich zur Toleranz.

Und 4. – und damit komme ich schon zum Schluss, mein letzter Wunsch an euch – wieder aus Goethes Mund:

„Man sollte alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen
und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen:“

 

Jasmin FLIEDER: Kinder, wie die Zeit vergeht

Kinder wie die Zeit vergeht! Achte lange Jahre - vorbei wie im Flug. Woran der 8Bler sich wohl erinnern wird, wenn er sich einmal der kalten, erbarmungslosen Welt da draußen stellen muss? Hoffentlich nicht nur an die kalten, erbarmungslosen Stundenwiederholungen in Chemie, sondern vielleicht auch an die Tatsache, dass er hier einmal ein zweites Zuhause hatte.

Die Billrothstraße 73, ein Ort, an dem wir zusammen gekommen sind (wenn auch mit knirschenden Zähnen und mürrischem Gesicht), an dem wir sowohl gute, als auch schlechte Zeiten überstanden haben, ein Ort, an dem manche früher, andere später, gelernt haben Verantwortung zu übernehmen. Wir werden uns vielleicht an den Angstschweiß erinnern, der kurz vor einer Mathematikschularbeit das Klassenzimmer durchzogen hat, an das nervöse Rascheln, das sich verdächtig nach dem panischen Verstecken von Schummelzetteln angehört hat (keine Panik, das Richtige stand selten drauf) oder an die peinliche Stille, wenn keine Antwort auf die gestellte Frage kam. Doch sind es nicht vor allem die kleinen, unscheinbaren Momente in den vergangenen acht Jahren, die uns zu dem gemacht haben, was wir heute sind, eine bunter Haufen „reifer“ Kinder? Ich erinnere dabei an das alltägliche Mampfen des wohlverdienten Jausenbrots, das eifrige Schlürfen der Limonade oder das gierige Ziehen an der 5min-Zigartte in allen möglichen Pausen (auch in den selbst bestimmten). Das alles haben wir gemeinsam gemacht, und auch wenn der eine oder der andere heute das Gefühl hat, dass wir es nie richtig zu einer „anständigen“ Klassengemeinschaft gebracht haben, so möchte ich meinen, dass wir doch eine Gemeinschaft waren, zunächst zusammengesetzt aus außergewöhnlichen Kindern, dann außergewöhnlichen Halberwachsenen; und aus diesen sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten, die vor acht Jahren willkürlich zusammen gewürfelt wurden, sind gute Freunde geworden. Damit, glaube ich, hat die Schule ihren Hauptzweck erfüllt, uns zu sozialen Wesen zu machen, uns aus der Isolation des Kleinkindes herauszureißen, uns beizubringen sich in eine Gemeinschaft zu integrieren und dem Gegenüber Verantwortungsbewusstsein zu zeigen.

Wir haben hier zwar unzählige Formeln gelernt, unzählige Grammatikregeln und noch mehr Vokabeln (die wir sicher noch bis zum Beginn der Ferien im Kopf behalten werden) doch was wir wirklich bekommen haben, ist ein Blick. Ein kurzer Moment, in dem man uns gestattet hat, in eine andere Welt zu sehen und vielleicht den Mut aufzubringen über unsere eigenen Grenzen hinaus zu schreiten. Es waren  lauter kleine Türen, durch die man uns hindurch „geschubst“ hat und egal, ob wir uns mit der Welt dahinter angefreundet oder beschlossen haben mit ihr bis in alle Ewigkeit auf Kriegsfuß zu stehen, so können wir doch darauf stolz sein den Mut gehabt zu haben die Chance etwas aus uns zu machen ergriffen zu haben.

Die Lehrer haben uns auf diesem Weg tapfer begleitet (wenn auch mit dem Gewinn einiger grauer Härchen) und damit bleibt mir nur mehr eins zu sagen: Danke.

Jetzt sind wir (schon fast) frei und sollten uns auf eines besinnen, das bereits Axel Munthe erkannt hat: „Wissen können wir von anderen lernen, Weisheit müssen wir uns selber aneignen.“

 

Nikolaus WERLE: Über Vergangenheitsfähigkeit

Die Überschrift, die diese heutige Zusammenkunft kennzeichnet, lautet “Abschied von der Schule". Das mag für manche verlockend klingen, die damit “endlich Schluss mit lästigen Verpflichtungen" oder “endlich das machen können, was mich wirklich interessiert" verbinden. Wären so eure Gedanken, würde dies eine betrübliche Vergeudung wertvoller Jahre zeigen.

Woher kommt eigentlich das Wort "Schule" und was bedeutete es ursprünglich? Schule, scuola, école, school gehen alle auf das gr. scholé zurück, das “Muße, Nichtstun, Rast" bedeutet. Wenn wir diese ursprüngliche Bedeutung mit der gegenwärtigen Realität verbinden, stellen wir fest: Irgendetwas muss da schief gelaufen sein.

Müßiggang, mahnt das Sprichwort, ist aller Laster Anfang, ein müßiges Unternehmen ist ein fruchtloses Unterfangen und die Muße selbst lässt uns eher an Freizeit und Vergnügen denken. Welche Unterrichtsstunde war dann eher eine Mußestunde, die, die stattfand, oder die, die ausfiel? Wir kennen die Antwort.

Aristoteles hat die griechische scholé klar beschrieben. Er unterscheidet zwischen bezahlter Arbeitszeit und unbezahlter Freizeit, er teilte das gesamte Leben in lebenserfüllende scholé, Muße, und lebensnotwendige ascholía, Unmuße. Die Muße ist für ihn das Schöne, das Tun und Treiben, in dem ein Mensch seinem Leben Ziel und Sinn gibt, aus dem er seine Lebensfreude schöpft. Die Unmuße ist das lediglich Notwendige, sie ist das, was wir lieber bleiben ließen, wenn wir es nicht leisten müssten. "Ascholúmetha, hina scholazomen", sagte er: wir leisten die Unmuße, um uns die Muße leisten zu können.

Wenn die jungen Athener im Gymnasion zwischen Stadionlauf und Diskuswurf einen Sophisten, den Inbegriff eines klugen Kopfes, oder ihren Sokrates hörten, so war das für sie reine, von keiner Sorge um den Lebensunterhalt getrübte scholé, und so auch noch, wenn sie ein paar Jahre später bei Platon in der Akademie oder bei Aristoteles im Peripatos in die Schule gingen.

Seither muss tatsächlich etwas schief gelaufen sein. Die Schule ist vom zweckfreien Schönen, was immer das war, zum zweckdienlichen Notwendigen geworden. Die neuen Koordinaten heißen Zukunftsfähigkeit, Wirtschaftstauglichkeit, Lehrplanentrümpelung, Modernität, Laptopschule, bilingualer Unterricht usw. Manche genieren sich nicht, die Schule nur mehr als Dienstleistungsunternehmen zu bezeichnen. So könnte manchmal der Eindruck entstehen, wir leben in einer Welt, die blind auf eine Zukunft ohne Vergangenheit ausgerichtet ist.

Der Apostel Paulus schreibt im ersten Brief an die Thessalonicher: “Prüft alles, das Gute behaltet!" Dies darf man vielleicht auch so interpretieren, dass die von uns bevorzugt bedachte Zeitspanne die Vergangenheit sein könnte. Dort liegen die Schätze, die die Menschheit angehäuft hat und die zu finden wir hoffentlich in den vergangenen Jahren nicht versäumt haben. Die Beschäftigung mit diesem unermesslichen Schatz menschlichen Wissens und Erfahrung ist nämlich eine der wichtigsten Voraussetzungen, um für die Zukunft fähig zu sein. Die Schule darf zu keiner Spielwiese des homo oeconomicus verkommen und sie darf auch kein Ort sein, an dem Präsentation und Ausdruck mehr gelten als der Inhalt. Vielmehr muss sie sich jener Herkunft besinnen, die das ermöglichte, was Aristoteles für unabdingbar hielt: Muße. Dann wären wir wirklich eine andere Schule und nicht eine von den vielen, wo der Zeitgeist weht, weil der Geist schon längst vertrieben ist.

Deshalb ist es nicht unangebracht, das zu bedenken, was der Autor des Buches Sirach im zweiten Jahrhundert vor Christus seinen Lesern ans Herz gelegt hat: "Wohl dem Menschen, der nachsinnt über die Weisheit, der sich bemüht um Einsicht, der seinen Sinn richtet auf ihre Wege und auf ihre Pfade achtet, der ihr nachgeht wie ein Späher."

"Wir sind die Zeiten", sagt der heilige Augustinus. Ändern wir uns, ändern wir die Zeiten.

III. Photos

 

 

 

 
 

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