Aus
dem Buch der Weisheit (7, 7b - 12)
gelesen von Lukian Guttenbrunner, 8 C
Ich flehte und der
Geist der Weisheit kam zu mir.
Ich zog sie Zeptern und Thronen vor, Reichtum achtete ich für nichts
im Vergleich mit ihr.
Keinen Edelstein stellte ich ihr gleich.
Denn alles Gold erscheint neben ihr wie ein wenig Sand, und Silber
gilt ihr gegenüber so viel wie Lehm.
Ich liebte sie mehr als Gesundheit und Schönheit und zog ihren
Besitz dem Lichte vor.
Denn niemals erlischt der Glanz, der von ihr ausstrahlt.
Zugleich mit ihr kam alles Gute zu mir, unzählbare Reichtümer waren
in ihren Händen.
Ich freute mich über sie alle, weil die Weisheit lehrt, sie richtig
zu gebrauchen, ich wusste aber nicht, dass sie auch deren Ursprung
ist.
Uneigennützig lernte ich und neidlos gebe ich weiter, ihren Reichtum
behalte ich nicht für mich.
Ein unerschöpflicher Schatz ist sie für die Menschen.
Alle, die ihn erwerben, erlangen die Freundschaft Gottes.
Über Weisheit und Borniertheit
von Nikolaus Werle
Jetzt ist
er also da, der letzte Schultag! Viele Jahre seid ihr in diesem
Gebäude ein- und ausgegangen. Ihr habt die Möglichkeit wahrgenommen,
Freunde zu treffen und unsympathische Typen kennen zu lernen. Ihr
konntet Lehrer und Eichhörnchen, falls ihr einen entsprechenden
Klassenraum hattet, beobachten. Oft habt ihr euch die Ohren
zugestöpselt, ihr habt euch gelangweilt, einige haben geraucht, die
meisten haben das Büffet frequentiert, aber gar nicht so selten seid
ihr auch zu Erkenntnissen angeregt worden und nicht wenige von euch
haben auch welche vermittelt.
Was liegt
daher in dieser bedeutungsvollen Stunde näher als über Weisheit und
ihre hässliche Verwandte, die Borniertheit, zu sprechen?
Das Buch
der Weisheit, aus dem wir soeben einen Abschnitt gehört haben, ist
das jüngste Buch des AT. Dieses Buch entstand in der Mitte des
ersten vorchristlichen Jahrhunderts in Alexandria, der damals
zweitgrößten Stadt des Römischen Reiches. Es wurde in griechischer
Sprache geschrieben und ist von jenem hellenistischen Geist
inspiriert, der Weisheit als Quelle jeder Erkenntnis betrachtete.
Soviel über den historischen Hintergrund, als Griechenland noch die
Bewunderung der Welt erregte...
Was meinten
die Alten mit Weisheit? Sie zählten sie zu den Grundbegriffen einer
umfassenden Daseinsorientierung. Im Unterschied zum Schwätzer, der
über alles nörgelt und alles besser weiß, ahnt der Weise, dass
Urteile, mit denen die Dummheit oft protzt, und die vielen Worte,
mit denen die Menschen sich rechtfertigen und ins rechte Licht
rücken wollen, keine Attribute der Weisheit sind. Und schon gar
nicht ist die Rechthaberei ein Ausdruck von Weisheit.
Ein
Kaufmann beklagte sich beim Rabbiner über seinen betrügerischen
Teilhaber. Der Rabbiner hörte aufmerksam zu und sagte schließlich:
„Du hast recht.“ Eine halbe Stunde später erschien der Teilhaber und
schilderte ihm denselben Sachverhalt aus seiner Sicht. Der Rabbiner
wog das Gehörte ab und sagte dann: „Du hast recht.“ Die Frau des
Rabbiners, die vom Nebenzimmer aus alles mitangehört hatte, stellte
ihren Mann zur Rede: „So geht das nicht: Entweder hat der eine recht
oder der andere. Beide können nicht gleichzeitig recht haben.“
Daraufhin schaute der Rabbiner seine Frau an und sagte: „Du hast
recht.“
Im Bereich
der Naturwissenschaften ist die Frage danach, wer recht hat,
sicherlich bedeutsam. Im täglichen Leben, glaube ich, kommt es aber
nicht so sehr darauf an, recht zu behalten, sondern darauf, weise zu
handeln. Und was bedeutet nun Weisheit? Jeder von euch kennt das
lateinische Wort für Weisheit, sapientia. Und jeder von euch weiß,
dass dieses vom Verbum sapere hergeleitet wird, das eigentlich
schmecken bedeutet. Würden wir in geistigen Dingen, wie Nietzsche
sagt, unseren Geschmack kultivieren und uns nicht mit grässlichem
Junk zufrieden geben, dann wäre es um uns und die Welt besser
bestellt. Wir erheben zwar einen hohen Anspruch, aber meist
verströmen wir die Monotonie der beschränkten Perspektiven.
Im vorher
gehörten Text aus dem Weisheitsbuch gibt es einen Hinweis, den ich
für überaus bedeutsam halte: „Uneigennützig lernte ich und
neidlos gebe ich weiter“. Ein besseres Programm für das Leben
ist mir noch nicht untergekommen. Dass mit der Matura auch für euch
das Lernen nicht beendet ist, sondern dass es ein Fundament eures
Lebens bleibt oder endlich wird, das wünsche ich euch ganz
ausdrücklich. Das Erlernte uneigennützig und neidlos weitergeben,
sichert uns nicht nur die Achtung der anderen, sondern macht uns
selbst glücklich und ist ein Zeichen wahrer Bildung.
Als im 18.
und 19. Jahrhundert die Aufklärung ihre große Zeit hatte, duldete
man keine unbedachten oder beliebigen Meinungsäußerungen, sondern
strebte nach einer geistigen Gemeinsamkeit eines intellektuell
anspruchsvollen Weltbürgertums, dessen Merkmal das Argument sein
sollte. Doch was ist aus diesem Anspruch geworden? Heute meint man,
jeder soll seine noch so schlecht begründete Meinung sagen, auch
wenn es der größte Unsinn oder, noch schlimmer, die größte
Unwahrheit ist. Die anspruchsvolle Haltung der Aufklärung musste dem
Geschwätz weichen...
Wo früher
einmal Bürger gewesen sein mögen, sind heute Jobber, Experten und
andere Untote, die ständig auf Trab sind und etwas tun und ansonsten
gänzlich ungerührt noch über die größten Ungeheuerlichkeiten
hinwegvegetieren.
Da ich an
die Erziehbarkeit des Menschen glaube, hoffe ich, dass ihr ganz
anders werdet.
Daher
möchte ich am Schluss dieser Überlegungen einen Wunsch an euch, der
eigentlich eine Hoffnung ist, formulieren: Verzichtet auf
geschwätzige Urteile und Rechthabereien, denn in den allermeisten
Fällen ist Barmherzigkeit das Licht am Ende des Tunnels menschlicher
Unerbittlichkeit. Ein unerschöpflicher Schatz ist die Weisheit
für die Menschen, so steht es im Weisheitsbuch. Da ihr euer
Leben weder verlängern, noch verbreitern könnt, wohl aber vertiefen,
grabt, so tief es geht, nach diesem Schatz!
Noch fehlende Texte folgen
(hoffentlich) in den nächsten Tagen